Samstag, 10. Mai 2008

Das Leben ist komplex - zu komplex?

Anstoß für diesen Beitrag ist ein Artikel von Fredmund Malik in der Beilage perspektiven des Handelsblattes vom 2.Mai 2008 (Herr der Komplexität). Darin erkärt er nicht zum ersten Mal, dass moderne Unternehmen, die moderne Wirtschaftswelt schlechthin so komplex geworden ist, dass man sie unmöglich mit den herkömmlichen Mitteln beherrschen kann. Nein, sie ist mit überhaupt keinen Mitteln "beherrschbar". Was unmittelbar zu der Konsequenz führt, dass der Versuch, moderne Unternehmen zu kontrollieren und zu steuern, schon lächerlich ist. Alles, was Manager tun können, ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer sich die Organisation selbst weiter entwickelt. Und diese Entwicklung nicht zu behindern.

Schön wäre es, dachte ich beim Lesen, wenn das mit der Selbstorganisation auch im eigenen Leben klappen könnte. Das nämlich, so mein Eindruck, ist inzwischen auch so komplex geworden, dass jegliche Übersicht verloren geht. Auch hier scheint zu gelten, dass der Versuch, den Überblick zu behalten, schon lächerlich ist. Wieso?

Ich bin überfordert

Früher schaltete man den Fernseher ein, stand auf, wenn man das Programm wechseln wollte und schaltete um. Heute sendet mir mein Kabelfernsehanbieter eine Box ins Haus, die ich selbst einrichten und mit einer gesonderten Fernbedienung betätigen muss. Daneben liegt die Fernsteuerung des Fernsehers, des DVD-Players und des Videorekorders (ja, so ein Altertümchen haben wir noch.) Per Handy kann ich angeblich Filme bestellen, irgendwie wird das Ganze auch abgerechnet.

Ich hätte dazu gerne mal einen Vertrag in den Händen, auf Anruf kommen dann drei Briefe, von denen sich zwei widersprechen. Ein Beweis, dass das Unternehmen längst den Überblick verloren hat. Wie soll ich ihn dann haben? Bis jetzt ist die Box noch nicht angeschlossen, ich habe drei Monate Zeit, einen speziellen Tarif zu kündigen. Wetten, ich vergesse es?

Beinahe täglich habe ich Werbebriefe von Telefondienstleistern im Briefkasten, über die ich offensichtlich auch meine Fernsehprogramme beziehen kann - und umgekehrt. Ich werfe sie weg und hoffe, ich übersehe dabei die Rechnung nicht.

Mein Versicherer lässt meinen Briefkasten überquellen mit Briefen, aus denen der aktuelle Stand meiner Haftpflicht-, Unfall-, Lebens-, Hausrat-, Auto-, Hundehaftpflicht... und was weiß ich nicht noch an Versicherungen hervorgehen soll. Ich verstehe die Briefe nicht und hefte sie ab. Meistens.

Für das Online-Banking habe ich eine Pin-Nummer, für meine Geldkarte auch, ebenso für zwei Kreditkarten, die Miles-and-More-Karte und, und, und... Ich behalte sie nicht und stehe im Urlaub auch mal ohne Geld da.

Auf weitere Beispiele verzichte ich, ich verstehe die Menschen, die sich Bücher mit dem Titel "Simplify your life" kaufen. Ich gestehe, dass ich keines von ihnen gelesen habe, weil ich davon überzeugt bin, dass man Komplexität eben nicht vereinfachen kann.

Aber vielleicht sollte man einen "Komplexitätsgeschädigten Verein e.V." gründen, eine Art Selbsthilfegruppe für alle, die sich restlos überfordert fühlen und in der Vielfalt unterzugehen drohen. Wäre doch ein Versuch wert, oder?

Rezension zum Thema:
Herr der Komplexität, Handelsblatt vom 2.5.2008

Kommentare:

Jochen Christe-Zeyse hat gesagt…

Ach, Herr Thönneßen, wie Sie mir aus dem Herzen sprechen! Ich habe es schon lange aufgegeben, den Begleittext meiner Einkommenssteuererklärung, meine Stromrechnung oder die jährlichen Übersichten meines Rentenversicherers verstehen zu wollen.
Aber auch wenn unsereins gerne mal damit kokettiert, dass man dies oder das nicht versteht (oder vielleicht sollte man besser sagen: weder Zeit noch Lust hat, es wirklich verstehen zu wollen), so stellt das, was Sie beschreiben, für die große Mehrheit der Menschen ein wirkliches Problem dar. Denn als Angehörige einer mehr oder weniger gut situierten Mittelschicht kann man es sich ja tatsächlich sogar leisten, eine Rechnung versehentlich in den Papierkorb zu werfen oder etwas Kleingedrucktes in einem Vertrag zu übersehen. Schlimmstenfalls ärgert man sich über vermeidbare Mehrkosten, die einen aber normalerweise noch nicht zu einem Fall für die Schuldnerberatung werden lassen.
Doch finde ich es ausgesprochen besorgniserregend, dass ein offenbar steigender Prozentsatz der Menschen mit der Komplexität unserer (post)modernen Existenz auf ganz und gar besorgniserregende Art und Weise überfordert ist - so überfordert, dass es mitunter tragische Formen annimmt.
Und um vielleicht auch gleich den ganz großen Bogen zu schlagen: Wie viele private Tragödien sind letztendlich nicht auf diese Art der Überforderung zurückzuführen? Sich einen Privatkredit aufschwatzen lassen, auf den falschen Rat eines Freundes gehört, eine Bürgschaft für den Lebensgefährten eingegangen, sich beruflich falsch orientiert - und plötzlich steckt man in etwas drin, aus dem man aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt.
Vielleicht sollte man sich eher darüber wundern, wie viele Menschen trotz all dieser Unübersichtlichkeiten und Gefährdungen, trotz aller Fehlentscheidungen und ihrer manchmal unübersehbaren Folgen noch ein einigermaßen normales Leben führen.
Und vielleicht sind die furchtbaren Geschichten von Frauen, die ihre Kinder töten, oder von Amokläufen und Familientragödien, die man immer wieder in den Medien geschildert bekommt, letztendlich nichts weiter als die tragischen Folgen einer vollständigen existenziellen Überforderung, in einer zunehmend komplexen Welt sein Leben einigermaßen auf die Reihe zu bekommen?
Nun ja, ich gebe zu: Der Bogen von der unverständlichen Stromrechnung zum Kindsmord ist vielleicht ein bisschen kühn gespannt, aber mich lässt der Gedanke einfach nicht los, dass wir das Ende der Verkomplizierung unserer Alltagsexistenz noch immer nicht absehen können, und dass diejenigen, die irgendwann in ihrem Leben überhaupt kein Land mehr sehen, in immer stärkerem Maße auch ganz und gar irrational auf diese existenzielle Bedrohung reagieren können.
Viele Grüße
Jochen Christe-Zeyse

wolfgang mattern hat gesagt…

Lieber Herr Thönessen,

falls Sie wirklich alle sechs von Ihnen erwähnten Versicherungen abgeschlossen haben sollten, dann haben Sie mindestens vier davon zuviel - die beiden Haftpflichtversicherungen sind für ein normales bürgerliches Leben vollkommen ausreichend. Schon wird das Leben etwas einfacher.

Freundliche Grüße

Wolfgang Mattern

P.S. Es ist zum erstenmal, dass ich einen Blog-Beitrag kommentiere, es wird auch nicht so schnell wieder vorkommen. Ich will mich nämlich nicht in Überkomplexität überfordern, und dazu zählt auch die Modewelle der blogs, eine Art Yellow Press im Internet, wo jeder seine gerade unter der Dusche empfangenen "Gedanken" veröffentlichen zu müssen meint; der aufallende Mangel an Resonanz zeigt es ja faustdick.

Johannes Thönneßen hat gesagt…

Hallo Herr Mattern, da fühle ich mich aber geehrt, dass Sie auf meinen Eintrag reagieren. Mit den Versicherungen mögen Sie recht haben, werde darüber nachdenken.

Und mir Mühe geben, nicht jeden Gedanken, der mir unter der Dusche kommt, zu veröffentlichen.

Johannes Thönneßen

Martin Seibert hat gesagt…

Ich mag die Gedanken, die mir unter der Dusche kommen. Häufig finde ich die aber so wertvoll, dass ich sie gerade nicht in unserem Weblog veröffentlichen will. :-)